Unbeantwortbare Fragen

Fragen, die wir nicht beantworten können - 4 Beispiele


Wie sind die Sprachen entstanden?

Die wissenschaftliche Erklärung des Sprachursprungs steht vor dem zentralen Problem, daß aufgrund der weitgehend fehlenden direkten empirischen Daten nur mehr oder weniger spekulative Rekonstruktionen möglich sind. Alle der ca. 6000 gegenwärtig gesprochenen Sprachen sind in Grammatik und Wortschatz voll ausgebildete Systeme. Es lassen sich somit keine Sprachen in einem frühen "Urzustand", gleichsam im Entstehen, beobachten, geschweige denn der Ursprung einer Sprache mitverfolgen und dokumentieren. Zudem sind die meisten Sprachen bis vor kurzem nur mündlich tradiert worden. Auch bei den Sprachen mit jahrtausende alter schriftlicher Überlieferung zeigen schon die frühesten erhaltenen Dokumente, soweit sie sich entziffern und übersetzen lassen, durchwegs voll ausgebildete Sprachsysteme. Unsere frühesten sprachlichen Daten reichen somit nur einige Jahrtausende zurück, der Sprachursprung ist jedoch wahrscheinlich zehntausende von Jahren früher anzusetzen.
Einige Beispiele für die Chronologie der schriftlichen Überlieferung: die frühen Stadien der indoeuropäischen Sprachen (z.B. Hethitisch, Latein, Altgriechisch, Altindisch usw.) sind frühestens seit Anfang des 2. Jahrtausends vor Chr. dokumentiert (so z.B. Hethitisch, in Keilschrift; die ältesten altgriechischen schriftlichen Dokumente stammen dagegen erst vom Ende des 2. Jahrtausends v.Chr.), die altsemitischen Sprachen sind im Laufe des 2. Jahrtausends in Alphabetschrift aufgezeichnet worden (z.B. das Phönikische Alphabet, das die Griechen später übernahmen) die chinesische Bilderschrift reicht bis in die Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr., die sumerische Sprache ist ab ca. 3000 v.Chr. überliefert (in Keilschrift), auch die altägyptische Sprache ist in Hieroglyphen (Bilderschrift) nur ab ca. 3000 v.Chr. dokumentiert. Damit ergibt sich ein maximaler Zeitraum schriftlicher Dokumentation von menschlicher Sprache von etwa 5000 Jahren, was erstens bei weitem nicht in die angenommene Zeit der Sprachentstehung vor Jahrzehntausenden zurückreicht und zweitens nur bereits voll ausgebildete Sprachen dokumentiert.
Es gibt jedoch neben der Sprachgeschichte weitere Datenquellen, die zumindest Hypothesen über den Sprachursprung ermöglichen:

  • Dazu gehören die Kommunikationssysteme der Tiere, die allerdings nach der vorwiegenden Meinung jeweils nur einige wenige, keineswegs jedoch alle Eigenschaften der voll entwickelten menschlichen Sprache aufweisen (für die menschliche Sprache sind z.B. folgende Eigenschaften typisch: die großteils willkürliche Beziehung zwischen Form und Inhalt der sprachlichen Zeichen; das Vorhandensein einer Grammatik mit Formenlehre und Syntax sowie eines erweiterbaren Wortschatzes; die historische Weiterentwicklung; die Lehr- und Lernbarkeit; die kreativ-künstlerische und selbstbezügliche Verwendung von Sprache (= die Sprache der Dichtung sowie die "Metasprache", d.h. "Sprache über Sprache").
  • Aufschlußreich sind auch der Erwerb der Muttersprache, d.h. die Entwicklung der Kindersprache, sowie die reduzierten Sprachsysteme, die bei Sprachstörungen entstehen (z.B. Aphasien, hervorgerufen durch Gehirnverletzungen oder Schlaganfälle) oder bei Sprachkontakt (die sog. Pidginsprachen) entstehen. Kindersprache, Sprachstörungen und Pidginsprachen können somit als Modelle für "frühe" Sprachstadien gelten.
  • Bemerkenswert sind ferner die erfolgreichen Versuche seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, bei Experimenten mit Primaten (z.B. Schimpansen, Orang Utans und Gorillas) die Gebärdensprache sowie den Gebrauch visueller Symbole beizubringen, die zum Erwerb von bis zu mehreren Hundert "Wörtern" sowie deren kreativer Verwendung in der Satzbildung geführt haben.
  • Interessante Daten sind auch die Berichte über die sog. "wilden Kinder", die aufgrund besonderer Umstände isoliert von Menschen in der Wildnis aufwuchsen. Besser dokumentierte Fälle wie z.B. Kaspar Hauser und Victor von Aveyron (beide: 19. Jhdt.n.Chr.) zeigen, daß diese Kinder in ihrer Entwicklung mehr oder weniger verzögert bzw. geschädigt waren und nur dann menschliche Sprache erwerben konnten, wenn sie in ihrer frühen Kindheit zumindest rudimentären Kontakt mit Menschen hatten.
  • Welche Sprachursprungstheorien gibt es nun? Hier sind 1. mythologisch-religiöse von 2. wissenschaftlichen Erklärungsmodellen zu unterscheiden.
  1. Im Altertum und im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit dominierten die mythologisch-religiösen Erklärungen. So ist es in der griechischen Mythologie der Titan Prometheus, der den Menschen die Sprache zuteil werden läßt, in der germanischen Mythologie der Gott Odin, in der indischen Mythologie erschafft der Urmensch Prajapati mit der Benennung zugleich die Dinge, in der Bibel (Genesis 2,20) benennt Adam alle Dinge und Lebewesen, später entsteht aus der einen Menschensprache aufgrund des Turmbaus von Babel die "babylonische Sprachenverwirrung" (Genesis 10.1ff), d.h. die Vielfalt der Sprachen der Erde.
    Im Mittelalter wurde in Europa grundsätzlich an der biblischen Version der Sprachentstehung festgehalten, als Ursprache der Menschheit gilt vorwiegend Hebräisch (aber auch Arabisch, Griechisch und Latein werden genannt). So hält Dante Alighieri (1265-1321) in seinem Werk "De vulgari eloquentia" an der Überzeugung fest, daß Hebräisch die Ursprache sei, da Hebräisch schon vor dem Turmbau, an dem sich die Juden nicht beteiligt hätten, und schon von Adam gesprochen worden sei. Auch in der Neuzeit wurde die These vom göttlichen Ursprung der Sprache vereinzelt aufrechterhalten, z.B. von Johann Peter Süssmilch (1707-1767) und Rudolf Steiner (1861-1925).
    Das Problem all dieser Sprachursprungs-Theorien ist, daß sie das Problem im wahrsten Sinn des Wortes mit einem "deus ex machina" lösen, d.h. mit dem Eingreifen einer übersinnlichen Macht, ohne eine Erklärung zu versuchen, die nur mit irdischen Faktoren arbeitet.
  2. In der Neuzeit überwiegen wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Folgende Theorien sind hier vor allem zu nennen:
  • Nativismus (Sprache ist dem Menschen angeboren und genetisch verankert; dies verlagert jedoch die Frage nach dem Sprachursprung nur, und zwar auf die Frage nach der Entstehung des Menschen)
     Vertreter dieser Sicht: Wilhelm von Humboldt (1767-1835), Noam Chomsky (*1928).
  • Konstruktivismus (das menschliche Denken bzw. die menschliche Vernunft ist prinzipiell von der Sprache unabhängig und somit die Basis für die Entwicklung der menschlichen Sprache; dafür spricht, daß bei Kindern bereits vor dem Spracherwerb (also vor dem 2. Lebensjahr) beträchtliche kognitive Fähigkeiten zu beobachten sind und auch Aphatiker/innen nicht in allen kognitiven Teilleistungen in gleicher Weise geschädigt sind; das Problem des Sprachursprungs verlagert sich auf diese Weise jedoch auf die Frage nach der Entstehung des menschlichen Denkens)
    Vertreter dieser Sicht: Johann Gottfried Herder (1744-1803), Jean Piaget (1896-1980).
  • Evolutionismus (Sprache entwickelt sich gleichsam naturgesetzlich im Laufe der Evolution des Menschen kontinuierlich aus primitiveren Vorformen, z.B. aus emotionssignalisierenden Ausrufen (vgl. Interjektionen wie "Au!", "He!"), aus lautnachahmenden und lautmalerischen Ausdrücken ("wauwau", "miaumiau" "brummen"; "Blitz", "glitzern" etc.), aus dem Gesang sowie aus den Gebärden; dafür spricht erstens der Erfolg bei den Primaten-Experimenten, der gezeigt hat, daß zumindest Menschenaffen in ihrer kognitiven Entwicklungsstufe dem Homo sapiens sehr nahe stehen; zweitens der evolutionäre Vorteil von Sprache, der sich z.B. in der Möglichkeit zeigt, unabhängig von Raum und Zeit über Personen und Gegenstände auch in deren Abwesenheit zu kommunizieren, ferner in der Möglichkeit, starre instinktgebundene Sozialformen aufzulockern und so flexibleres Handeln in der Gruppe zu ermöglichen, sowie in der Möglichkeit von spielerischem "Probehandeln" junger Angehöriger der Spezies etc.; drittens die Tatsache, daß bestimmte nonverbale Aspekte der Kommunikation (z.B. Gesichtsausdrücke bei Emotionen wie Freude, Angst, Zorn) universal, d.h. bei allen Menschen in gleicher Weise zu beobachten sind und damit zum angeborenen Repertoire unserer Spezies zu gehören scheinen.
  • Probleme dieser Theorie bestehen erstens darin, daß Interjektionen und Lautmalerei in den bekannten menschlichen Sprachen eine eher periphere Rolle spielen, zweitens darin, daß die Primaten eben nur künstlich, vom Menschen angeleitet, Sprache erwarben und auch dies bei weitem nicht im selben Ausmaß wie normal aufwachsende menschliche Kinder, drittens darin, daß der Übergang von "natürlichen" zu "konventionellen" Zeichen eigentlich das Wissen um Sprache und deren Wert schon voraussetzt und schließlich viertens darin, daß in freier Wildbahn noch bei keiner Spezies aus dem Tierreich die Weiterentwicklung ihres Kommunikationssystems zu einer Sprache im menschlichen Sinn beobachtet werden konnte.
    Vertreter dieser Sicht: Etienne Bonnot de Condillac (1715-1780), Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Charles Darwin (1809-1882), Hermann Paul (1846-1921), Otto Jespersen (1860-1943) und in theoretisch verfeinerter und auf einer weit besseren Datenbasis beruhenden Form in der modernen Linguistik und Verhaltensforschung, z.B. von Volker Heeschen: Humanethologische Aspekte der Sprachevolution. In: J. Gessinger/W. von Rahden (Hg.)(1989): Theorien vom Ursprung der Sprache. Berlin: de Gruyter. 2. Bd. 196-248; oder von T. Givón: Functionalism and Grammar. Amsterdam: Benjamins 1995.
  • Sozialer Ursprung von Sprache (Sprache entwickelt sich aus Formen des sozialen Handelns, z.B. der sozialen Kontaktnahme sowie der kollektiven Zusammenarbeit; dafür spricht, daß soziale Kontaktformen bereits bei allen Tiersprachen zu beobachten sind und sich bei höheren Spezies immer mehr verfeinern; ferner, daß kollektive Kooperation als Ausgangspunkt den engen Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln, Denken und Sprechen motivieren kann; Probleme entstehen ähnlich wie den evolutionistischen Ansätzen aus der Frage, ob nicht bewußte Kontaktnahme mittels konventioneller Zeichen und die systematische kollektive Kooperation Sprache bereits voraussetzen.
    Vertreter dieser Sicht: die marxistische Sprachursprungstheorie (z.B. Friedrich Engels: Die Rolle der Arbeit im Prozeß der Umgestaltung des Affen zum Menschen 1876; A.A. Leont’ev:  Proisxozdenie jazika (= Der Ursprung der Sprache). In: Linguistisches enzyklopädisches Wörterbuch. Moskau: Sowjetische Enzyklopädie 1990. 400-401) und die "Kontakttheorie" von G. Révész: Ursprung und Vorgeschichte der Sprache. Bern: Francke 1946.
  • Theorie der "Unsichtbaren Hand" (aufgrund der Probleme der oben genannten Theorien wurde in jüngerer Vergangenheit eine weitere Sprachursprungstheorie aufgestellt, die weder eine evolutionär-kausale noch eine intentional-konsturierte Entstehung der menschlichen Sprache annimmt, sondern das Konzept der "invisible hand" von Adam Smith (1723-1790) aufgreift; mit dieser "unsichtbaren Hand" werden Prozesse erklärt, die durch unbeabsichtigte "Nebenwirkungen" von Handlungen entstehen, die individuell ganz andere Ziele verfolgen und doch auf der kollektiven Ebene quasi-automatisch zu diesen "Nebeneffekten" führen; ein Beispiel: ein Stau auf der Autobahn entsteht, weil aus einem bestimmten Grund ein(e) Autofahrer(in) bremst, der/die damit jedoch nicht etwa einen Stau herbeiführen will; alle dahinter bremsen jedoch auch, und zwar aus Gründen der Sicherheit immer etwas mehr als die jeweils vor einem fahrende Person, sodaß "unbeabsichtigt und doch zwingend" allmählich ein Stau entsteht; analog wird eine Situation konstruiert, in der ein "Urmensch" aus Versehen einen Warnschrei ausstößt, sodaß alle Mitglieder der Horde fliehen; dem Urmenschen bleiben alle in der Hast zurückgelassenen Essensvorräte; der Warnschrei wird in der Folge von diesem Urmenschen absichtlich als Täuschungsmittel eingesetzt, bis die anderen draufkommen; dann täuschen alle einander; schließlich ist erkannt, daß man "instinktive" Schreie auch absichtlich zu anderen Zwecken einsetzen kann: das konventionelle Zeichen ist geboren.
    + Für diese Theorie spricht, daß sie Probleme der evolutionistischen und anderer Sprachursprungstheorien vermeidet: es wird nicht etwa ein Bewußtsein/Denken/Handeln bereits vorausgesetzt, damit Sprache entstehen kann; dagegen spricht, daß die konstruierte Situation ziemlich künstlich wirkt und auch die weitere Ausarbeitung und Ausbreitung der Sprache nur ansatzweise erklären kann.
    Vertreter dieser Sicht: H.J. Heringer: Not by Nature nor by Intention: The Normative Power of Language Signs. In: Th. Ballmer (ed.)(1985): Linguistic Dynamics. Berlin: de Gruyter. 251-275: ausführlicher von  R. Keller: Sprachwandel. Tübingen: Francke 1990.

Fazit:
Alle oben genannten Sprachursprungs-Theorien haben Stärken und Schwächen, obwohl sich im Lauf der Jahrhunderte durchaus Erkenntnisfortschritte und Verfeinerungen der Theorien feststellen lassen. Es gibt jedoch keinen in der Fachwelt allgemein anerkannten Konsens, was wohl auch daran liegt, daß verschiedenste Disziplinen (neben Linguistik auch Humanethologie, Zoologie, Neurologie, Psychologie, Soziologie, Philosophie) von dieser Frage betroffen sind und strenggenommen nur eine interdisziplinäre Lösung möglich ist. Somit wird die endgültige Klärung dieses fundamentalen theoretischen Problems wohl der Zukunft vorbehalten bleiben.


Welche Sprache ist die schönste?

Diese Frage ist nicht objektiv beantwortbar. Viele Menschen halten schlicht und einfach ihre eigene Sprache oder ihren eigenen Dialekt für am schönsten. Es können jedoch eine Reihe von Teilantworten gegeben werden, die objektiv feststellbar oder zumindest intersubjektiv, d.h. für viele Menschen und auch sprachenübergreifend in gleicher Weise erfahrbar sind.

1. So wird z.B. weit verbreitet ein relativ hoher Vokalanteil in einer Sprache (im Phonemsystem und im Sprechen) als "schön“ erfahren, was dazu beiträgt, daß z.B. die romanischen Sprachen und viele austronesische Sprachen im pazifischen Raum als besonders wohlklingende Sprachen eingestuft werden.

2. Ferner gibt es relativ stabile Assoziationen zwischen akustischen und visuellen bzw. taktilen und gustatorischen Eindrücken, z.B. werden stimmlose Verschlußlaute als "hart“, "eckig“, "rauh“, stimmlose Reibelaute als "scharf“, "zischend“ erfahren, dagegen stimmhafte Verschlußlaute, stimmhafte Reibelaute, nasale und liquide Laute (L-, R-Laute) als "weich“, "rund“. Es gibt eben eine "Sonoritätshierarchie‘, nach der stimmhafte Laute (wozu meist auch die Vokale gehören) als "schöner“ empfunden werden als stimmlose Laute.

3. Das Sprechtempo hat ebenfalls Auswirkungen auf ästhetische Eindrücke. Sprachen unterscheiden sich auch nach dem durchschnittlichen Sprechtempo. Zu hastiges, aber auch sehr langsames Sprechen wird, jeweils in Bezug auf das normale Sprechtempo in der eigenen Sprache, eher nicht als schön empfunden.

4. Intonationskurven sind ebenfalls einschlägig wichtig. Sprachen unterscheiden sich auch danach, welche maximalen Tonhöhenunterschiede/Intervalle beim normalen Sprachen üblich sind.  "Eintöniges“ Sprechen wird, wieder relativ zur normalen Intonation der eigenen Sprache, als eher langweilig empfunden, "melodramatisches“ Sprechen als zu emotional.

5. Viele Bewertungen sind aber, wie gesagt, schlicht subjektiv bzw. widersprüchlich. So werden z.B. "gutturale“ (uvulare, pharyngale, laryngale) Laute im hinteren Mund- und Rachenraum als eher häßlich empfunden, dies gilt aber nur für bestimmte Sprachen und Kulturen und die Bewertungen sind dabei oft auch inkonsequent. So werden im deutschen Sprachraum Dialekte und Sprachen mit uvularen und pharyngalen Lauten wie z.B. süddeutsche und schweizerische Dialekte, aber auch das  Niederländische und Arabische als eher häßlich eingestuft, aber das uvulare R (am Gaumenzäpfchen artikuliert) im Französischen hat nicht verhindert, daß diese Sprache verbreitet als eine der schönsten eingeschätzt wird.

6. Schließlich gibt es auch soziologische bzw. ideologische Gründe für die Beantwortung dieser Frage. Dialekte oder Sprachen von Minderheiten werden oft als häßlicher bewertet als Standardsprachen bzw. Prestigesprachen.  Sprachen, in denen hohe Literatur verfaßt worden ist, werden oft schöner eingestuft als indigene Sprachen. Das Deutsche wird nach dem Erleben von Hitlers Reden anders eingeschätzt als nach dem Hören eines Goethe-Gedichts.


Welche Sprache hat den größten Wortschatz?

Diese Frage ist schwer  - und wahrscheinlich überhaupt nicht definitiv - beantwortbar. Aber einige vorläufige Antworten kann man schon geben:

  1. Das grundsätzliche Problem besteht in der Unmöglichkeit, scharf Alltagswortschatz und Fachwortschatz zu trennen. Je nachdem, wo man hier die Grenze zieht, haben heute Sprachen mehr oder weniger Wörter, und zwar im Ausmaß von zigtausenden von Wörtern.
  2. Eine weitere Grenzziehungsschwierigkeit ergibt sich bezüglich der Trennung von einfachen Wörtern, die also linguistisch gesprochen nur aus einem Morphem, einer kleinsten bedeutungstragenden Einheit (Beispiele: Stein, Baum, Frau, Seele, Geist) bestehen, und zusammengesetzten bzw. abgeleiteten Wörtern (Komposita: Steinzeit, Baumkrone, Ehefrau...; Derivationen: steinig, seelisch, vergeistigen...). Viele Komposita und Derivationen gehören eindeutig zum Alltagswortschatz, sodaß man sie nicht einfach ignorieren kann.
  3. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der (Nicht-)Einbeziehung von veralteten oder veraltenden Wörtern einerseits und Neubildungen (Neologismen) andererseits. Ab wann darf man ein Wort als "gestorben" ansehen, ab wann als "gebräuchlich" (usuell) gewordenen Teil des Wortschatzes?
  4. Ferner ist fraglich, inwieweit Dialektausdrücke, Soziolektausdrücke, allgemein sondergruppensprachliche Ausdrücke, dichterische Neubildungen dazugerechnet werden sollen.
  5. Indigene Sprachen verfügen oft nicht oder nur teilweise über technologische bzw. wissenschaftliche Terminologien. Dafür verfügen sie oft über besonders fein ausgebildete Terminologien im Bereich der Tier- und Pflanzenwelt, die in den westlichen Kultursprachen in der Alltagssprache und manchmal sogar in der Fachsprache nicht verfügbar sind. Trotzdem ergibt sich insgesamt, daß der Wortschatz indigener Sprachen rein quantitativ weit unter dem der westlichen Sprachen liegt. Ein solcher quantitativer Vergleich "hinkt" jedoch, s.o.
  6. Schließlich ist zu fragen, ob nicht nur der Wortschatz berücksichtigt werden soll, über den (hochgebildete) Native Speakers maximal aktiv verfügen können, oder ob auch nur passiv bekannte oder nur teilweise aktiv verfügbare Wörter gezählt werden sollen.

Vor dem Hintergrund all dieser Probleme können dennoch einige Zahlenangaben gewagt werden, die auf ungefähren und intuitiv einigermaßen plausiblen Grenzziehungen in den oben genannten Fragen beruhen.

  • So wird z.B. der Wortschatz indigener Papuasprachen in Neuguinea auf etwa 5.000-8.000 Wörter geschätzt, also relativ klein, aber mit sehr feinen Differenzierungen in der Tier- und Pflanzenwelt, die der Alltagswrotschatz europäischer Sprachen nicht aufweist.
  • Für manche indigene Sprachen wie Lakota oder  Hopi (Indianersprachen Nordamerikas) gibt es neuere umfassende Lexika, denen man z.B. entnehmen kann, daß Lakota und Hopi ca. 30.000 Wörter enthalten (vgl. E. Büchel: Lakota-English Dictionary. Pine Ridge: Red Cloud Indian School 1983; sowie K. Hill (ed.): The Hopi Dictionary. Tucson: Univ. of Arizona Press 1998).
  • Der Wortschatz des klassischen Latein wird auf ca. 50.000 Wörter geschätzt, jedoch ist bei einer toten Sprache, selbst einer so reich überlieferten wie dem klassischen Latein, immer damit zu rechnen, daß nicht alle Wörter historisch belegt sind.
  • Der Wortschatz des modernen Deutsch wird auf etwa 300-500.000 Wörter geschätzt; wenn man seltenere fachsprachliche Ausdrücke abzieht, auf etwa 15.-180.000 Wörter; wenn man auch noch zusammengesetzte und abgeleitete Wörter abzieht, auf ca. 10.000 einfache Wörter (vgl. G. Drosdowski (Hg.): DUDEN-Grammatik. Mannheim: DUDEN-Verlag 1995, S. 281).
  • Nach Auskunft der DUDEN-Website (http://www.duden.de) beträgt demgegenüber die der größten Zahl für den deutschen Wortschatz (= 300.000-500.000) entsprechende Schätzung für den französischen Wortschatz 100.000 Wörter, für den englischen Wortschatz 600.000-800.000 Wörter. Daß Französisch weniger und Englisch mehr Wörter aufweist, könnte so erklärt werden: Seit der Gründung der Académie française wacht diese Institution über den französischen Wortschatz, es werden also Neubildungen erst durch einen Filter aufgenommen, eine vergleichbare zentrale Institution mit jahrhundertelanger Tätigkeit gibt es für das Deutsche und Englische nicht. Das Englische wiederum hat in sehr hohem Ausmaß den Wortschatz des Latein, Französischen und von nordgermanischen Sprachen aufgenommen (später auch aus indigenen Sprachen im Machtbereich des britischen Empire), hat also sehr oft Dubletten wie "eye doctor" und "oculist", die in anderen Sprachen nicht oder nur bei Einbeziehung von Fachsprachen bestehen.
  • Es gibt aber immer auch andere Zahlen, so z.B. zitiert D. Crystal (Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt: Campus 1993: 108) das große DUDEN-Wörterbuch der deutschen Sprache (1977) mit über 500.000 Stichwörtern; M. Markus (Englisch in Europa, in: I. Ohnheiser (Hg.): Sprachen in Europa. Innsbruck: Verlag des Inst.f. Sprachwissenschaft 1999, 337-351, S. 347) zitiert für das Englische eine Schätzung des Langenscheidt-Verlags, nach der es im Englischen 11.000.000 (!!) Wörter gibt, hier sind aber wohl Fachsprachen im erheblichen Ausmaß hinzugezählt worden.
  • Nach psycholinguistischen Untersuchungen (für westliche Sprachen wie Englisch durchgeführt) können durchschnittlich gebildete SprecherInnen ca. 30-50.000 Wörter aktiv verwenden; man könnte also sagen, daß der Wortschatz, der für Hopi und Lakota beschrieben worden ist, so ziemlich an die kognitiven Grenzen herankommt, die der Homo sapiens überhaupt noch aktiv verarbeiten und gebrauchen kann.
  • In diesem Zusammenhang ist auch interessant, daß z.B. das von Erich-Dieter Krause erstellte Esperanto-Wörterbuch (Großes Wörterbuch Esperanto-Deutsch. Hamburg: Buske 1999) rund 80.000 Stichwörter enthält. Gerade beim Esperanto mit seinen fast unbegrenzten Neubildungsmöglichkeiten von Wörtern sind solche Zahlen aber auch nur Richtwerte.

Vorsichtiges Gesamtfazit: Unter den heutigen Sprachen der Erde dürfte das Englische wegen der historisch bedingten Heterogenität seines Wortschatzes, seiner überrragenden Bedeutung in Technologie und Wissenschaft und seines globalen Kontakts mit anderen Sprachen den komplexesten Alltagswortschatz aufweisen.


Was ist Sprache?

"Sprache" zu definieren ist notorisch schwierig, da es so viele und dabei z.T. strittige und unvereinbare Definitionen gibt, z.B. Noam Chomskys (*1928) biologische Sicht, nach der Sprache ein (reifendes) Organ ist, Ferdinand de Saussures (1857-1913) soziologische Sicht, nach der Sprache ein Zeichensystem ist, das den Individuen eines Kollektivs mehr oder weniger aufgeprägt ist, sowie Wilhelm von Humboldts (1767-1835) Sicht, nach der Sprache eine kreative Tätigkeit ist.
Da aber viele dieser Sichtweisen teilweise berechtigt sind, ist es fast unmöglich, eine sehr knappe Definition zu geben, ohne den zu definierenden Begriff "Sprache" reduktionistisch, d.h. übervereinfachend zu verkürzen. Ein möglicher Vorschlag könnte lauten:

"Sprachen sind ein Mittel kreativen kommunikativen Handelns".

Mit dieser Definition schließt man nicht aus, dass es auch andere Mittel kreativen kommunikativen Handelns außer Sprache gibt, man schließt zumindest formale Sprachen der Logik ein, sofern sie der Kommunikation unter LogikerInnen dienen, man verzichtet auf den schwierigen Begriff "(Zeichen-) System", und betont den sehr wichtigen Aspekt, dass “Sprachen gebrauchen” nie nur reproduzierende Verwendung von Zeichen nach den Regeln eines Systems ist, sondern gerade auch die kreative Neuschaffung von Zeichen und die Übertretung von Konventionen des Sprachgebrauchs beinhaltet.

Literaturhinweise:
Chomsky, Noam (1988): Language and Problems of Knowledge. The Managua Lectures. Cambridge/Mass.: MIT Press.
Coseriu, Eugenio (1988): Einführung in die Allgemeine Sprachwissenschaft. Tübingen: Francke.
Humboldt, Wilhelm von (1963): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. In: Werke. Bd 3. Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft. 368-756.

Saussure, Ferdinand de (1968): Cours de linguistique générale. Édition critique par Rudolf Engler. Tome 1. Wiesbaden: Harassowitz. [Deutsche Übersetzung: Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin: De Gruyter 1967].